Glasner, Silos und KI: Warum Zusammenhalt der unterschätzte Erfolgsfaktor wird

Geschrieben von: Peter Huber
9. Mai 2026

Oliver Glasner steht nach dem Conference-League-Finale vor den Mikrofonen. Kein Taktikvortrag, keine Systemdebatte. Sein erster Satz: Zusammenhalt. „Wenn man in schwierigen Zeiten zusammenhält, ist alles möglich.“ Kein Buzzword, kein Coaching-Sprech – ein Trainer, der gerade gewonnen hat und genau weiß, woran es lag. Quelle: https://sport.orf.at/stories/3155557/

Und während ich das lese, drängt sich eine Frage auf, die mich seit Monaten in Führungsworkshops verfolgt: Welchen Zusammenhalt bringen wir eigentlich gerade in unsere Organisationen ein – auf Führungsebene und auf Teamebene?

Oder verlieren wir uns gerade im Gegenteil?

Das Paradox unserer Zeit: Mehr Vernetzung, weniger Verbindung

Wir reden viel über Agilität. Über cross-funktionale Teams. Über KI, die Wissen demokratisiert. Über Plattformen, die alle miteinander verbinden.

Und gleichzeitig erleben viele Führungskräfte das Gegenteil: Teams, die sich seltener sehen. Bereiche, die parallel an ähnlichen Themen arbeiten, ohne voneinander zu wissen. Homeoffice-Kalender, die keine Lücken mehr für ein echtes Gespräch lassen. KI-Tools, die jede:r individuell nutzt – aber niemand bringt das Wissen zusammen.

Wir haben die Infrastruktur für Zusammenarbeit massiv ausgebaut – und den Zusammenhalt dabei oft übersehen.

Silos sind nicht das Strukturproblem, das wir glauben

Die übliche Diagnose lautet: Silos entstehen durch Hierarchien, durch Bereichsgrenzen, durch falsche Anreizsysteme. Stimmt – aber nur halb.

Die neuen Silos entstehen woanders. Sie entstehen in der Zwischenebene zwischen Führungskraft und Team. Sie entstehen, wenn jede:r mit der eigenen KI ein eigenes Mikrosystem aufbaut. Sie entstehen, wenn Homeoffice zur Norm wird, aber niemand mehr definiert, was dann eigentlich gemeinsam gemacht wird.

Und – vielleicht der unangenehmste Punkt – sie entstehen oben. Auf Führungsebene. Wenn Geschäftsführungen über KI-Strategien diskutieren, ohne dass die mittlere Führungsebene eingebunden ist. Wenn Bereichsleitungen ihre eigenen Pilotprojekte starten, ohne sich abzustimmen. Wenn Loyalität nach unten gepredigt, aber nach oben nicht gelebt wird.

Glasner sagt einen Satz, der hier sitzt: „Es gab immer mehr Lärm um uns herum als Probleme intern.“ Das ist die Führungsleistung. Den Lärm draußen halten. Den Zusammenhalt drinnen schützen.

Zusammenhalt ist keine Stimmung. Er ist Infrastruktur.

Vertrauen ist kein Soft Skill. In einer KI-getriebenen Organisation ist es Infrastruktur. Genau das gilt auch für Zusammenhalt.

Zusammenhalt heißt nicht: alle mögen sich. Zusammenhalt heißt: Wir wissen, wofür wir gemeinsam stehen. Wir wissen, wem wir was zumuten können. Wir teilen Information, bevor wir gefragt werden. Wir tragen Entscheidungen mit, auch wenn wir sie intern kritisch diskutiert haben.

Und das ist im KI-Zeitalter härter geworden – nicht weicher.

Weil KI die Arbeit individualisiert. Jede:r hat eigene Workflows, eigene Prompts, eigene Tool-Kombinationen. Was früher in gemeinsamer Arbeit entstanden ist, entsteht heute oft in Einzelköpfen plus Modell. Das macht schneller. Aber es verändert das Gravitationszentrum eines Teams.

Drei Fragen, die zwischen Zusammenhalt und Silo entscheiden

Wer als Führungskraft prüfen will, wo das eigene Team gerade steht, kann sich diese drei Fragen stellen:

Wann haben wir das letzte Mal etwas wirklich gemeinsam erarbeitet – nicht parallel, sondern gemeinsam? Nicht ein Statusmeeting. Sondern eine Frage, an der mehrere Köpfe gleichzeitig gedacht haben.

Wer in meinem Team weiß, woran die anderen mit KI gerade experimentieren? Wenn die Antwort „niemand“ lautet, ist der Lerneffekt der Organisation fast null – und das Silo bereits da.

Welche schwierige Phase haben wir zuletzt zusammen durchgestanden – und wie haben wir das danach gewürdigt? Glasners Satz funktioniert nur, weil das Team die schwierigen Zeiten als geteilte Erinnerung trägt. Geteilte Erinnerung entsteht nicht zufällig.

Was das für die mittlere Führungsebene bedeutet

Im mittleren Management läuft beides zusammen: der Druck von oben, KI-Effekte zu liefern, und die Erwartung von unten, Orientierung zu geben. Genau dort entscheidet sich, ob Zusammenhalt entsteht – oder ob die Organisation in immer feinere Silos zerfällt, jedes ausgestattet mit eigenem Co-Pilot und eigener Roadmap.

Der unbequeme Teil: Zusammenhalt lässt sich nicht delegieren. Nicht an HR, nicht an die KI-Strategie, nicht an die nächste Offsite. Er entsteht in der Art, wie du als Führungskraft Entscheidungen kommunizierst, Konflikte aushältst und Loyalität auch nach oben zeigst.

Monday Move

Such dir diese Woche eine Person aus deinem Team und eine aus einem benachbarten Bereich. Frag beide: „Woran arbeitest du gerade mit KI – und was hast du dabei gelernt?“

Hör zu. Verbinde, was zusammengehört.

Das ist kein Tool-Rollout. Das ist Zusammenhalt – ganz unspektakulär, und genau deshalb wirksam.