Australien, 1983. 875 Kilometer von Sydney nach Melbourne. Das härteste Ultralangstreckenrennen der Welt. Am Start: durchtrainierte Profis mit Sponsoren, Ernährungsplänen und Tausenden Trainingskilometern in den Beinen. Und Cliff Young. 61 Jahre alt. Kartoffelbauer aus dem ländlichen Victoria. In Arbeitskleidung, ohne Trainer, ohne Sponsoren, ohne jede Berechtigung, hier zu stehen – zumindest nach Meinung aller anderen.
Die Zuschauer lachten. Die Konkurrenten ignorierten ihn. Cliff Young lief trotzdem los. Nicht elegant. Nicht schnell. In einem schlurfenden Trott, den die Presse später den „Young Shuffle“ taufte. Während die Profis jede Nacht sechs Stunden schliefen, schlurfte er einfach weiter – Stunde um Stunde, Tag um Tag. Nach fünf Tagen, fünfzehn Stunden und vier Minuten kam er an. Als Erster. Zehn Stunden vor dem Zweitplatzierten. Mit einem neuen Streckenrekord.
Woher kam seine Ausdauer? Er hatte sein ganzes Leben lang 2.000 Schafe auf 2.000 Acres zusammengetrieben – ohne Pferd, ohne Geländewagen, tagelang zu Fuß durch Stürme. „Ich wusste, dass ich das kann“, sagte er am Ziel. „Ich habe einfach das gemacht, was ich immer mache.“
Warum Sie diese Geschichte kennen sollten
Vielleicht erkennen Sie etwas wieder. Nicht das Ultrarennen – aber das Gefühl am Start.
Die Geschäftsführung erwartet eine KI-Strategie. Ihr Team schaut Sie fragend an. Und Sie denken: Bin ich wirklich die Richtige für dieses Thema? Ich bin keine IT-Expertin. Ich habe keinen Data-Science-Hintergrund. Ich weiß nicht mal, ob ich ChatGPT wirklich richtig nutze.
Genau hier liegt der Denkfehler. Denn die Frage ist nicht, ob Sie perfekt vorbereitet sind. Die Frage ist, ob Sie den Mut haben, mit dem loszulaufen, was Sie haben.
Cliff Young war kein Naivling. Er kannte seine Ausdauer. Er kannte die Strecke. Er hatte sich monatelang vorbereitet – auf seine Art. Was er nicht hatte: den Anspruch, alles vorher durchoptimiert zu haben. Er lief los, weil er wusste, dass Erfahrung nur unterwegs entsteht.
Perfektion killt – der MVP-Gedanke für Ihre Führungsarbeit
In der Produktentwicklung gibt es ein Prinzip, das Ihnen helfen kann: das Minimum Viable Product – kurz MVP. Die Idee dahinter: Nicht die 100-Prozent-Lösung bauen, sondern die kleinste Version, die funktioniert. Testen. Lernen. Verbessern.
Übertragen auf Ihre Führungsrolle heißt das: Sie brauchen keine fertige KI-Strategie, um zu starten. Sie brauchen eine erste, echte Erfahrung.
Denn genau das passiert in den meisten Organisationen: Es wird monatelang an Konzepten gearbeitet, Arbeitsgruppen werden gegründet, Präsentationen erstellt – und am Ende hat niemand auch nur ein einziges KI-Tool in einer realen Arbeitssituation ausprobiert. Das ist, als würde Cliff Young am Start stehen bleiben und erst mal einen Trainingsplan entwickeln.
Die unbequeme Wahrheit: Perfektionismus ist in der KI-Transformation kein Qualitätsmerkmal. Er ist eine Vermeidungsstrategie.
Ihr Microhack: Das 15-Minuten-KI-Experiment
Diese Woche. Nicht nächsten Monat. Diese Woche.
Nehmen Sie eine Aufgabe, die Sie sowieso erledigen müssen – eine E-Mail an Ihr Team, ein Briefing für die Geschäftsführung, eine Zusammenfassung eines Meetings. Erledigen Sie sie einmal wie gewohnt. Dann erledigen Sie sie ein zweites Mal mit einem KI-Tool: ChatGPT, Copilot, Claude – egal welches. Vergleichen Sie: Was war besser? Was war schlechter? Was hat Sie überrascht?
Das ist Ihr MVP. Keine Strategie. Keine Genehmigung. Kein IT-Ticket. Fünfzehn Minuten und eine echte Erfahrung.
Warum das funktioniert: Weil Erfahrung Unsicherheit schlägt. Jedes Mal. Die meisten Zweifel an KI leben von Abstraktion. „Was bedeutet das für uns?“ ist eine Frage, die sich endlos theoretisch diskutieren lässt. „Was hat es mir gerade konkret gebracht?“ ist eine Frage, die sich nach fünfzehn Minuten beantworten lässt. Und genau das verändert Ihre Position: Sie werden von jemandem, der über KI redet, zu jemandem, der KI erlebt hat. Das ist ein Unterschied, den Ihr Team spürt.
Was Cliff Young mit guter KI-Führung verbindet
Cliff Young hätte vermutlich ein richtig gutes KI-Projekt geleitet. Nicht weil er besonders schlau war. Nicht weil er die beste Ausrüstung hatte. Sondern weil er drei Dinge mitbrachte, die in der KI-Transformation Gold wert sind: den Mut zum unperfekten Start, die Bereitschaft, unterwegs zu lernen, und die Ehrlichkeit über die eigenen Grenzen.
Er wusste, was er konnte – und was nicht. Er hat nicht versucht, wie die Profis zu laufen. Er lief auf seine Art. Und genau das machte den Unterschied.
Sie müssen kein KI-Experte sein, um Ihr Team durch diese Veränderung zu führen. Sie müssen jemand sein, der losläuft. Mit dem, was da ist. Ehrlich über die eigenen Lücken. Aber entschlossen, Erfahrungen zu sammeln statt auf Perfektion zu warten.
Auf den Punkt:
- Perfektionismus ist keine Stärke in der KI-Transformation – er ist eine Bremse. Starten Sie mit dem, was Sie haben.
- Die kleinste echte Erfahrung mit KI ist wertvoller als die beste PowerPoint über KI.
- Führung im KI-Zeitalter braucht keine Perfektion. Sie braucht Haltung, Neugier und den Mut zum ersten Schritt.
Monday Move: Nehmen Sie sich diese Woche 15 Minuten für Ihr erstes KI-Experiment. Eine reale Aufgabe, ein KI-Tool, ein ehrlicher Vergleich. Kein Konzept. Kein Pilotprojekt. Einfach loslaufen.
Cliff Young ist eine der Leitfiguren im Buch „Führen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ – dort als Metapher für eine Führungshaltung, die auf Handeln, Ausdauer und den Mut zum eigenen Weg setzt statt auf Perfektion.



