Interview „Kalt erwischt – KI im Reality Check“
Georg Karigl weiß, wie Führungskräfte ticken. Seit Jahren begleitet er Unternehmen dabei, ihre Führungskultur so zu gestalten, dass Mitarbeiter:innen gerne ihr Bestes geben. Kein Druck, kein Kontrollwahn – sondern ein Umfeld, in dem Menschen sagen: „Ich bin gerne dabei.“ Sein Unternehmen heißt Mensch in Bewegung, und der Name ist Programm.
Dann klingelte das Telefon. Unangekündigt. Unvorbereitet. Kalt erwischt eben. Was folgte, war ein Gespräch, das in zehn Minuten mehr über den echten Stand der KI-Nutzung in Unternehmen verrät als manches Strategiepapier.
5 Prozent Freaks, 5 Prozent Skeptiker – und 90 Prozent Zögerer
Auf die Frage nach der KI-Realität in seinen Führungskräfteseminaren wird Georg schonungslos ehrlich. Von 100 Teilnehmer:innen sind vielleicht fünf echte Power-User. Etwa gleich viele blocken komplett ab, nach dem Motto: „KI macht uns alle blöd.“ Der große Rest? Irgendwo dazwischen. Ja, man sollte sich damit beschäftigen. Ja, irgendwie. Aber so richtig angekommen ist es bei den meisten noch nicht.
Diese Verteilung deckt sich mit dem, was wir in „Führen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ als die zentrale Herausforderung des mittleren Managements beschreiben: Die AI-Readiness einer Organisation entsteht nicht durch Technologie allein. Sie braucht ein KI-Mindset – und das entwickelt sich nicht über Nacht. Zukunftsorientierung, Wachstumsbereitschaft, Ambiguitätstoleranz: All das sind keine Softskills am Rande, sondern das Fundament, auf dem jede KI-Strategie steht oder fällt.
Der Aha-Moment im Seminarraum
Georgs stärkster KI-Moment der Woche: ein Führungskräfte-Training. 15 erfahrene Führungskräfte diskutieren ihre aktuellen Herausforderungen, finden gemeinsam gute Lösungen. Dann die Frage: „Habt ihr Lust, dass wir noch die KI fragen?“ Ein Prompt wird formuliert, ChatGPT liefert – und der Raum staunt. Ideen, an die keiner der 15 Profis gedacht hat. Innerhalb von 30 Sekunden.
Das Entscheidende war nicht die KI-Antwort selbst. Es war die Erkenntnis der Teilnehmer:innen: „Ich habe es noch gar nicht auf der Platte gehabt, dass ich KI für solche Themen auch verwenden kann.“ Genau hier liegt der Hebel. Nicht in der Technologie, sondern in der Vorstellungskraft.
Georgs Empfehlung an die Runde war simpel und wirkungsvoll: eine Woche lang einen Zettel mit „KI First“ vor den Bildschirm kleben – und bei jeder Aufgabe zuerst die KI fragen. Im Buch nennen wir genau diesen Ansatz den KI-First-Zugang: das bewusste Innehalten vor jeder Aufgabe, um zu prüfen, ob KI den nächsten Schritt schneller, einfacher oder besser machen kann. Klingt banal. Verändert aber die gesamte Arbeitsweise.
Von einer Stunde zur Keynote – und dann gleich weiter
Der konkreteste Use Case, den Georg teilte, ist ein Paradebeispiel für pragmatische KI-Nutzung. Ausgangslage: eine Keynote über Resilienz vor 400 Industrieleuten, 15 Folien gebraucht, eine Stunde Zeit. Normalerweise ein Tageswerk.
Georg hat den ChatGPT-Agent angeworfen. Sein Prompting-Ansatz dabei: nicht sofort die fertige Lösung verlangen, sondern die KI erst fragen lassen. „Welche drei Fragen soll ich dir noch beantworten, damit du ein wirklich gutes Ergebnis bekommst?“ Die KI stellt drei Fragen, Georg beantwortet sie – und bekommt einen Prompt, der sitzt. Nach 12 Minuten Rechenzeit: eine fertige PowerPoint. 20 bis 30 Minuten Feinschliff – weniger Text, eigene Überschriften, persönliche Note rein. Fertig.
Aber es ging weiter. Die fertige Präsentation landete in NotebookLM. Ergebnis: ein Podcast, eine Infografik und ein Kurzvideo. Drei Minuten Aufwand. Der Veranstalter war begeistert – Georg war der einzige von zehn Referent:innen, der solche Zusatzmaterialien lieferte.
Meine DNA bleibt drin – die KI poliert
Was an Georgs Haltung auffällt: Er spricht nie davon, dass die KI seine Arbeit macht. Sondern dass sie ihn unterstützt. „Die DNA ist von mir. Die Kreativität, die Innovation kommt von meiner natürlichen Intelligenz – die künstliche ist Unterstützung.“ Sein Vergleich: Es sei wie mit einer exzellenten Assistentin, die aus Stichpunkten ein fertiges Produkt macht. Der Architekt muss nicht die Betonmischmaschine anwerfen.
Diese Haltung trifft einen Nerv, den wir im Buch ausführlich beschreiben: Authentizität ist kein Luxus, sondern Erfolgsfaktor. Es fällt leicht, sich mit dem KI-Ergebnis zu begnügen und auf die eigene Note zu verzichten. Wer das tut, wird generisch, austauschbar. Die bewusste Entscheidung, die eigene Persönlichkeit in jedes Ergebnis einzubringen, ist eine Frage der Selbstführung – und sie macht am Ende den Unterschied zwischen einem soliden Output und einem, der wirklich wirkt.
Wenn der Prompt nicht sitzt: das Problem zwischen Stuhl und Tastatur
Natürlich hat Georg auch eine Flop-Erfahrung parat. Ein Workshop-Ablauf für ein Unternehmen – das Ergebnis passte überhaupt nicht. Sein schonungsloses Selbst-Fazit: „Der Prompt war einfach nicht gut. Ich habe zu wenig Kontext eingegeben.“ Oder wie er es formuliert: „Das Problem zwischen Stuhl und Tastatur.“
Die humorvolle Variante: Kurz vor dem Valentinstag ließ er sich einen Liebesbrief von ChatGPT schreiben. Romantisch, emotional, wunderschön formuliert. Reaktion seiner Frau nach 10 Sekunden: „Wo hast du denn den Scheiß abgeschrieben?“ Auch hier: der Prompt – zu wenig „Georg“ drin.
Beide Geschichten zeigen, woran KI-Initiativen oft scheitern: nicht an der Technologie, sondern am fehlenden Kontext. Wer KI sinnvoll nutzen will, muss lernen, gute Fragen zu stellen und die richtigen Informationen mitzugeben. Das ist keine Raketenwissenschaft – aber es ist eine Kompetenz, die geübt werden will.
Agents: der nächste Level
Georgs Plan für die nächste Woche: tiefer in das Thema KI-Agents einsteigen. Ein Webinar ist gebucht, zwei Mal eine Stunde. Und ein IT-Experte steht bereit, um gemeinsam zu diskutieren, was davon in der Praxis funktioniert.
Sein ehrlicher Rat: Sich jemanden an die Seite holen, der die technische Seite versteht. Nicht weil man es nicht alleine schaffen könnte – sondern weil man sich damit unfassbar viel Zeit spart. Für alle, die nicht digital aufgewachsen sind, ist ein:e IT-Wegbegleiter:in kein Zeichen von Schwäche, sondern von strategischer Klugheit.
Im Buch sprechen wir von der Notwendigkeit, Tandems zu bilden und Mitstreiter:innen zu gewinnen. Georgs Ansatz ist ein schönes Beispiel dafür: Man muss nicht alles selbst können. Aber man braucht ein Grundverständnis – und die richtigen Leute im Netzwerk.
Lernroutine auf dem Crosstrainer
Zum Schluss ein Detail, das hängen bleibt: Georg verbringt jeden Tag 45 Minuten auf dem Crosstrainer – und schaut dabei YouTube-Kanäle über KI-Entwicklungen. Danach spricht er seine Erkenntnisse in die App Fireflies, die transkribiert und zusammenfasst. Seine Empfehlungen: Digitale Profis auf YouTube, Neuland Pro und den KI-Podcast des Handelsblatts auf Spotify.
Schwitzen, lernen, reflektieren. Kein aufwändiges Programm, keine Bildungskarenz, kein Zertifikatskurs. Einfach eine tägliche Routine, die KI-Kompetenz Stück für Stück aufbaut. Es gibt kaum ein besseres Bild dafür, wie sich Wachstumsorientierung und Selbstführung im Alltag verbinden lassen.
Auf den Punkt:
- 90 % der Führungskräfte stehen beim Thema KI im Niemandsland zwischen Neugier und Untätigkeit – ein Zettel mit „KI First“ am Bildschirm kann den Unterschied machen.
- KI ersetzt keine Persönlichkeit. Wer seine DNA nicht in das Ergebnis einbringt, wird austauschbar – die eigene Note ist der Unterschied zwischen Output und Wirkung.
- Ein:e IT-Wegbegleiter:in ist kein Luxus, sondern strategische Investition – besonders für alle, die nicht digital aufgewachsen sind.
Mehr zur strukturierten Entwicklung von AI-Readiness – für sich selbst und den eigenen Fachbereich – im Buch „Führen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ von Peter Huber (Springer Gabler).
Wer mehr über Georg Karigl und Menschinbewegung erfahren möchte: www.menschinbewegung.at




