Du sitzt im nächsten Strategiemeeting. Wieder mal geht es um KI. Und wieder mal will jemand von dir „den Plan“. Den einen. Den großen. Den, der alles regelt. Du nickst, sagst „arbeiten wir dran“ – und weißt insgeheim: Den wird es so nicht geben.
Das Problem mit dem einen großen Plan
In der Praxis erlebe ich es ständig: Geschäftsführungen wollen die saubere Top-Down-Roadmap. End-to-End. Mit Schnittstellen, Datenarchitektur, Governance. Großes Projekt, großes Budget, große Wirkung – irgendwann.
Gleichzeitig basteln in deinem Team längst drei Leute mit ChatGPT an Protokollen, eine Kollegin lässt sich Mails formulieren, jemand testet Copilot für Auswertungen. Das ist kein Chaos. Das ist die Realität in einer VUCA-Welt: Volatil. Unsicher. Komplex. Mehrdeutig. Und genau da scheitert das Prinzip „ein Plan für alle“.
Zwei Geschwindigkeiten – nicht eine
Peter Huber beschreibt im Buch ein duales Prinzip, das ich in der Begleitung von Transformationen immer wieder bestätigt sehe:
Top-Down – End-to-End: Strategisch. Bereichsübergreifend. Integriert in die Systemlandschaft. Hohe Komplexität, lange Durchlaufzeit, geringe Fehlertoleranz. Hier geht es um Geschäftsprozess-Optimierung mit Expert:innen.
Bottom-Up – Modern Workplace: Direkt am Arbeitsplatz. Quick Wins. Hohe Geschwindigkeit. Wenige Schnittstellen. Im Team selbst umsetzbar. Hier entlastet KI im Alltag – Mails, Protokolle, Übersetzungen, Sparring.
Beide sind notwendig. Beide ergänzen sich. Keiner ersetzt den anderen.
Wer nur Top-Down fährt, verliert die Energie der Anwender:innen. Wer nur Bottom-Up fährt, produziert isolierte Insellösungen.
Der Microhack: Die 2-Spalten-Klarheit
Setz dich diese Woche 15 Minuten hin. Nimm ein leeres Blatt. Mach zwei Spalten.
Spalte links – „End-to-End“ Welcher Geschäftsprozess in deinem Bereich hätte das größte Potenzial, mit KI strategisch verändert zu werden? Nicht optimiert – verändert. Was würde das brauchen? Wer müsste mitspielen? Welcher Zeithorizont ist realistisch (12–24 Monate)?
Spalte rechts – „Modern Workplace“ Welche drei wiederkehrenden Tätigkeiten in deinem Team kosten gerade unnötig Zeit? Mails, Recherchen, Zusammenfassungen, Vorbereitungen, Auswertungen? Was davon könntest du in den nächsten 14 Tagen mit einem KI-Tool entlasten – ohne IT, ohne Budget, ohne Genehmigung?
Dann der entscheidende Satz, den du in deinem Team und gegenüber deinen Vorgesetzten platzierst:
„Wir fahren parallel. Strategisch denken wir End-to-End. Operativ entlasten wir uns ab Montag. Beides. Nicht entweder-oder.“
Warum das funktioniert
Drei Effekte:
Du nimmst Druck raus. Niemand muss mehr „den Plan“ liefern. Es gibt zwei Pläne mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und das ist kein Defizit, sondern Methode.
Du erzeugst sofort Bewegung. Bottom-Up-Quick-Wins liefern in Wochen, was End-to-End in Quartalen liefert. Beides zählt – aber das eine schafft das Vertrauen für das andere.
Du bringst dein Team in den Fahrersitz. Modern Workplace bedeutet: Die, die täglich mit der Arbeit zu tun haben, gestalten mit. Das ist keine basisdemokratische Geste. Das ist die einzige Art, wie Veränderung in einer VUCA-Welt überhaupt noch funktioniert.
Monday Move
Schick deinem Team diese eine Frage – per Mail, im Chat, im nächsten Jour fixe:
„Welche zwei Tätigkeiten in eurer Woche würdet ihr am liebsten an eine KI abgeben – und was hindert euch gerade daran?“
Die Antworten sind dein Bottom-Up-Backlog. Schon entstanden, schon priorisiert, schon getragen.
Den Top-Down-Plan kannst du danach immer noch zeichnen. Aber du startest ihn nicht aus der Theorie. Sondern aus dem, was dein Team längst weiß.



